sondern auch die Kinder, für die sie im Grunde alle Entscheidungen treffen mussten. Ein weiteres Risiko lauerte natürlich in der Gefahr, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die jeder Fluchtversuch »zu viert« unweigerlich zur Folge haben konnte. Während der nächsten zwei Jahre, in denen sie sich darauf vorbereiteten, die Patrouillenboote der Grenzbrigade Küste, die den Wismar-Warnemünde-Bereich überwachten, zu überlisten, mussten sie das Terrain auf Möglichkeiten in Strandorten und in Dörfern an der Ostsee auskundschaften, in denen nun nicht mehr nur die idyllische Unschuld von Sommerferien am Strand und Freizeit, in der man auf See fischte, herrschte. Dies waren nun verdächtige Orte geworden, Orte, in denen sogar der Kauf einer Seekarte oder eines Schlauchbootes oder einer Angelausrüstung spähende Augen einladen und ungewollte Aufmerksamkeit der inoffiziellen Stasimitarbeiter auf sich lenken konnte. Das ist - mit anderen Worten - nicht nur eher eine Geschichte von kalkuliertem Mut, als von hitzigem Draufgängertum, sondern auch eine von Vorsicht, Planung und der aussergewöhnlichen Fähigkeit, selbst unter Druck den Kopf nicht zu verlieren, im Hinterkopf immer ein vernünftiges Abwiegen der Risiken für und gegen den Wunsch zu fliehen. Im nachhinein sehen einige in der Geschichte der Kostbades vielleicht eine absurde Dimension, denn nach nicht viel mehr als einem Jahr nach ihrer erfolgreichen Flucht fiel die Berliner Mauer, und die Stunden des Regimes waren gezählt. Aber zu dieser Zeit, bis hin zum Herbst 1988, wussten die Kostbades genauso wenig was die Zukunft bringen würde, wie andere DDR Bürger - oder sogar selbst die Regierung. Wie sie es ausdrückten: »Dieses Regime hat noch zehn, höchstens fünfzehn Jahre, und dann fällt es in sich zusammen.« (S. 118) Ihre Antwort: »Der Todeskampf hier dauert noch zehn Jahre. Willst du dabei jede Zuckung mitmachen? (S.126), ist solcherart, dass sie nur im nachhinein hätten anders antworten können. |