für euch sind wir Republikflüchtige und damit verdammenswert - und schlecht werdet ihr uns machen. Aber wir sind nicht schlecht.« (S. 206-207) Eine der unbestrittenen Stärken von Lotte Couchs fiktionalisierter Rekonstruktion eines solchen Fluchtversuchs ist die offensichtliche Art, in der nicht nur das Dilemma der Kostbades und die Lösung dafür, sondern auch ihre gemeinsame Charakterstärke herausgearbeitet werden. Alfred und Renate Kostbade dachten nicht einmal daran, ohne ihre zwei Kinder Doreen und Marco und deren Zustimmung zu flüchten: »Wir gehen entweder alle zusammen oder gar nicht.« (S. 65) Diese Solidarität charakterisiert das ganze Familienunternehmen, angefangen vom ersten Entwurf bis hin zum detailliert ausgearbeiteten Plan, der auf der Flucht oft spontan geändert werden musste, manchmal als notwendige Reaktion auf unvorhersehbare Umstände.

Die unmittelbaren Ereignisse nach der Wende erinnern uns an das massive Ausbluten, das das Regime der DDR im Jahr 1961 dazu veranlasste, die Berliner Mauer zu bauen. Seit der Gründung der DDR bis zum Ende des vorangegangenen Jahres sind mehr als 2 750 000 Bürger in den Westen geflüchtet, wobei weitere 160 000 bis zum 13. August 1961 folgten. Sogar nach dem Bau der Mauer wurde die Flüchtlingswelle nicht vollständig gestoppt, aber die Zahl der Flüchtlinge begann zuerst in die Tausende und dann in die Hunderte zu fallen, wobei die Mehrheit jener, die nun erfolgreich flüchteten, auf Geschäftsreise im Ausland oder in einem weniger restriktiven sozialistischen Nachbarland auf Urlaub waren. Das Regime sollte andauern, und mit noch grösserem Einfallsreichtum die Barrieren verbessern, die die ehemaligen Fluchtwege aus sowohl Ostdeutschland als auch von Ost- nach Westberlin versperren sollten. Weiterhin wurde auch die menschliche und technische Überwachung der Grenzregionen verschärft, bis hin zum Todesstreifen, der an den meisten Orten das hässliche Gesicht der deutsch-deutschen Grenze markierte.